[Konzertbericht] EyeHateGod – zum 30-jährigen Jubiläum in Dortmund


Billing: Eyehategod und Slomind

Konzert vom 11.07.2018 | Junkyard, Dortmund

Nachdem sein behandelnder Arzt ihm Ende 2014 angesichts drohenden Leberversagens noch maximal ein weiteres Lebensjahr prognostiziert hatte, ist Mike Williams, das Aushängeschild des seit mittlerweile 30 Jahre aktiven, legendären Nola-Sludge-Kollektivs EYEHATEGOD, an diesem Mittwochabend doch tatsächlich für einen Auftritt im Dortmunder Junkyard angekündigt. So richtig will man es noch nicht glauben.

SLOMIND live im Dortmunder Junkyard, 2018

SLOMIND aus Düsseldorf geben den Einheizer.

Zunächst heizen sowieso erst einmal die Düsseldorfer Stoner-Metal-Erben von SLOMIND den noch etwas lichten Reihen in der Veranstaltungshalle des ehemaligen Schrottplatzgeländes ein. Ihr innovativer Mix aus SABBATH- und KYUSS-Riffs, gutturalem und klarem Gesang funktioniert in diesem Setting hervorragend und sorgt bereits für einiges Kopfnicken. Im Rahmen eines traditionsbewussten Genres sorgen SLOMIND damit für angenehmen Abwechslungsreichtum. Für mildes Gelächter sorgt allenthalben der hellblonde Sohnemann eines der Bandmitglieder, der mit riesigen Ohrschützern bewaffnet den Wellenbrecher unsicher macht und dabei jedes noch so THC-geschwängerte Herz aufgehen lässt. Nach etwas über einer halben Stunde beenden SLOMIND einen sympathischen Gig, der neugierig auf das vorhandene Studiomaterial des Vierers macht.

Mit einem neuen Bier versorgt drängt man sich gerade noch mit der versammelten Konzertmannschaft unter den Gastronomieschirmen im verschlammten Junkyard-Innenhof, als auch schon wieder Geräusche aus dem Innern der Halle erklingen. Bevor ein Mitarbeiter der Venue eiligst die Stahltüren schließen kann, geht es wieder nach drinnen.

EYEHATEGOD live im Dortmunder Junkyard, 2018

EYEHATEGOD zelebrieren den Nihilismus live on stage.

In der ihnen ziemlich eigenen Manier haben EYEHATEGOD klammheimlich die Bühne geentert, den lockeren Dialog mit den ersten Reihen gesucht und dann von der einen zur anderen Sekunde in den Konzertmodus geschaltet. Das bedeutet: Es fiept und walzt, Williams keift und taumelt über die Bühne, Mittelfinger werden gehoben, Jimmy Bower qualmt und säuft und rifft. Der genesene Sänger trägt die strohigen Haare etwas kürzer über dem verbrauchten Gesicht, aber die gleiche verwaschene Funktionskleidung und die gleichen dunklen Pulswärmer wie eh und je. Die Weißweinflasche hat er tatsächlich durch stilles Wasser ersetzt – bei allem Nihilismus taugt der Tod in Sichtweite wohl doch als Auslöser für den ernsthaften Lebenswandel.

Dem Live-Phänomen EYEHATEGOD tut das keinen Abbruch. Die US-Südstaatler changieren zwischen völligem Ignorieren des Publikums bei unverstärkter Privatunterhaltung auf der Bühne nach Beendigung der Songs und Zwischenansagen voll beißendem Sarkasmus (inklusive Privateinladung an alle Versammelten in die Casa Williams). Anfangs offensichtlich aufgrund von Soundproblemen angesäuert, würde jede Nachwuchsband mit einer ähnlichen Leistung und Attitüde ohne Wenn und Aber beim Publikum durchfallen.

Bei EYEHATEGOD ist das Unberechenbare und Selbstzerstörerische Prinzip, wird jede Feedback-Orgie, jeder psychotische Walzer, den Williams mit seinem Mikrofon-Ständer tanzt, jeder Mittelfinger an die erste Reihe goutiert. Die Band ist sich dessen bewusst und zelebriert ihre Narrenfreiheit mit Nachdruck. O-Ton Williams: „We’re a freakshow, man!“ Nach etwas mehr als einer Stunde ist diese dann auch vorbei. „Shoplift“ beendet ein unkaputtbares Set und die Band steigt von der Bühne und quatscht absolut unprätentiös mit den Versammelten.

Die nur knapp 100 Gäste zeigen es: Bei wenigen Bands gehen Einfluss und Szene-Standing und Massen-Appeal so weit auseinander wie bei EYEHATEGOD. Die Miterfinder des New-Orleans-Sounds leben den Underground seit nunmehr 30 Jahren und man muss froh sein, dass eine Figur wie Mike Williams entgegen aller Widrigkeiten dieses Jubiläum noch erleben kann.